Barocke Klangkaskaden

Klassik.com

18 de septiembre de 2011


"Temperamentvoll übersprudelnd. 4 out 5 stars"


Die Reise Johann Jakob Frobergers nach London anfangs der 1650er Jahre begann unter keinem guten Stern. Auf der Überfahrt von Calais nach Dover wurde er von Piraten ausgeraubt und kam ohne einen Pfennig in England an. Er verdingte sich in der Folge als Gehilfe eines Organisten, erhielt aber, als er einmal wegen eines Anfalls von ‚Melancholie‘ die Bälge zu treten vergaß, mit einem Fußtritt unrühmlichen Abschied. Dass dies seine Stimmung nicht eben hob, lässt sich denken. Er setzte sich nieder und komponierte eine Partita, der er den Vermerk ‚geschrieben zu London, um die Schwermut zu vertreiben‘ (‚faîte à Londres pour passer la melancholi‘) beigab.

Ob das Werk diesen Zweck bei Froberger erfüllte, ist nicht überliefert. Beim heutigen Hörer und Freund frühbarocker Cembalomusik tut sie’s allemal. Vor allem, wenn sie in einer so gar nicht trübsinnigen, vielmehr regelrecht spritzigen Darbietung daherkommt wie auf der CD, die der spanische Cembalist Aarón Zapico neuerdings bei dem Label Winter & Winter eingespielt hat. Außerordentlich spielfreudig geht der Interpret die Werke an. Man glaubt zu merken, wie da einer mit Lust und Laune in die Tasten greift. Geradezu übermütig wirken die Darstellungen insbesondere der Stücke Frobergers.
Die Londoner Partita möchte Froberger ‚langsam‘ musiziert wissen, das Tombeau auf den Pariser Lautenisten Blancheroche sogar ‚sehr langsam‘. Diese Vorgaben ignoriert Zapico schlicht und einfach. Zum Vergleich: Sergio Vartolo, der beide Werke für Naxos einspielte, braucht für die vier Sätze der Partita insgesamt knapp eine Viertelstunde, Zapico etwas unter neun. Das (einsätzige) Tombeau dauert bei Vartolo fast 12 Minuten, bei Zapico nicht einmal fünf (!). Bei den flotten Tempi kann man auch das Improvisatorische des Vortrags, das Froberger ausdrücklich einfordert – ‚avec discretion‘ (d. h. etwas wie ‚nach Belieben‘) sei zu spielen oder gar ‚à la discretion sans observer aucune mesure‘ (‚nach Belieben und ohne irgendein Taktmaß zu beachten‘) – nicht recht wiederfinden. Wer die Vartolo-Aufnahme zuerst kennenlernte, wird zudem finden, dass bei Zapico viele Details, die man von dort im Ohr hatte, untergehen oder zumindest nicht angemessen zur Geltung kommen – so etwa die Eleganz der außerordentlich plastischen, schön geschwungenen Melodiebildung in der Partita.

Temperamentvoll übersprudelnd
All das heißt aber nicht, dass Zapicos Einspielung schlechter oder gar schlecht sei. Was ihr im Gegensatz zu der Vartolos abgeht, gleicht sie durch eine temperamentvoll übersprudelnde, sehr expressive, aber stets klar modellierte Klangrede aus. Den hier aufgenommenen Werken von Frobergers Lehrer Frescobaldi (hauptsächlich aus dessen erstem Toccaten-Buch von 1637) kommt sie zustatten. Zapico wählte im wesentlichen kurze Tanzsätze, denen er ein anonym überliefertes Paar 'Pavana & Saltarello' und einen 'Ballo Ongaro' von Giovanni Picchi zur Seite stellte, schmissig-unterhaltsam in der Ausführung, ein glänzender Kontrast zu den eher grüblerischen Stücken Frobergers. In Frescobaldis gut zehnminütigen 'Cento Partite sopra Passacagli' schließlich wird der Hörer mit wahren Klangkaskaden überschüttet, glitzernd und funkelnd, einem breiten Gemälde barocker Techniken und Farben. Zapicos musikantisches Feuer ist da keine Attitüde, sondern stets aus interpretatorischer
Einsicht geschlagen.

Bemerkenswert an dieser Einspielung ist neben der Interpretation auch das bespielte Instrument, ein Nachbau nach Michael Mietke, der sich durch einen schwebenden Klang von zugleich leuchtender und durchsichtiger Farbigkeit auszeichnet. Wer Näheres über die eingespielten Werke bzw. über die Komponisten und ihren historischen Kontext erfahren will, hat sich an den Internet-Auftritt des Labels zu wenden, da das Booklet oder besser das eingeklebte Faltblatt neben einer recht ausführlichen Spurliste und technischen Dokumentation ausschließlich Photographien des Interpreten bzw. einer Skulptur von Yoshiyuki Miura enthält.

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